Pieve Santo Stefano
DER HEUTE ALS „CITTÀ DEL DIARIO” BEKANNTE ORT, DEN LORENZO DER PRÄCHTIGE LIEBTE

Am östlichen Rand der Territorium Arezzo und der Toskana liegt in der ersten Tiberschleife Pieve Santo Stefano, die Città del Diario. Dieser vor Urzeiten entstandene Ort – es gibt Siedlungsreste, die bis in die Jungsteinzeit zurückreichen – wurde seit seiner Gründung dauerhaft bewohnt. Aus der Römerzeit stammen die Reste der Tiberbrücken, besonders die in Sigliano sind eindrucksvoll: Über die fünfbogige Brücke floss der Verkehr der Ariminensis, der Straße, die Arezzo und Rimini verband und den Apennin am Pass von Viamaggio (Via Maior) überwand.

In der Antike war das Gebiet von Pieve Santo Stefano als Suppetia bekannt, wie eine Inschrift belegt, die im Tempietto der Madonna del Colledestro gefunden wurde und besagt, dass Publio Sulpicio und seine Frau Cellina in diesem Areal einen Tempel für den Gott Tiber und die Nymphen errichten ließen.

Im Mittelalter wurde das Gebiet von Pieve Santo Stefano erst von den Florentinern, dann von den Tarlati beherrscht, um schließlich 1545 Sitz eines Vikariats zu werden. Im Jahr 1216 boten die Einwohner dem hl. Franziskus das Kloster von Cerbaiolo als Geschenk, das so in den Besitz der Minderbrüder kam (ein lokales Sprichwort besagt: „Chi ha visto la Verna senza vedere Cerbaiolo, ha visto la mamma senza vedere il figliolo“ [Wer das Kloster La Verna gesehen hat, ohne Cerbaiolo zu sehen, hat die Mutter ohne ihr Kind gesehen]). Zur Zeit von Lorenzo dem Prächtigen erlebte Pieve Santo Stefano eine Blütezeit, denn Lorenzo schätzte den Ort außerordentlich und schmückte ihn mit Werken der Della Robbia  (eine schöne glasierte Terrakotta von Girolamo della Robbia, die Jesus und die Samariterin darstellt und im Palazzo comunale zu bewundern ist),  Piero della Francesca und Ghirlandaio – aber leider ging ein großer Teil dieser unschätzbaren Kunstwerke bei der Überschwemmung von 1855 verloren.

Die jüngere Geschichte von Pieve Santo Stefano haben zweit tragische Ereignisse markiert, das erste ist besagte Überschwemmung, bei der viele Dokumente und künstlerische Zeugnisse der Stadt verloren gingen; das zweite war die Verwüstung, welche die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug hinterließen: Sie verminten und zerstörten das historische Zentrum, von dem nur der Palazzo del Comune und die Kirchen erhalten blieben. Der Ort wurde jedoch in kurzer Zeit wiederaufgebaut und erreichte in den folgenden Jahrzehnten erneut Bekanntheit als Città del Diario (Stadt der Tagebücher). Vielleicht aufgrund des Wunsches, die durch die Ereignisse der vergangenen beiden Jahrhunderte beschädigten Erinnerungen wiederzuerlangen, entstand 1984 dank einer Idee des Journalisten und Schriftstellers Saverio Tutino das Archivio Diaristico Nazionale, in dem tausende von Tagebüchern, Memoiren und Briefwechsel aufbewahrt werden.

Über das Archiv und das Museo del Diario hinaus (mit dem der Premio Pieve verbunden ist, ein Wettbewerb für autobiographische Geschichten, der jedes Jahr Mitte September stattfindet), lohnen im Gebiet von Pieve Santo Stefano der Eremo di Cerbaiolo  (ein Benediktinerkloster aus dem 8. Jahrhundert, das ein bewundernswürdiges Beispiel für die Besiedlung unzugänglicher Gebiete ist) und der faszinierende (achteckige ) Tempietto von Santa Maria del Colledestro einen Besuch. Im September- vielleicht der beste Monat, um den Ort zu besuchen – findet der Palio dei Lumi statt, der mit dem Calcio in costume endet, einem Spiel, das dem florentinischen Calcio storico ähnelt, bei dem ebenfalls vier Stadtviertel gegeneinander antreten.