Photo ©Gabriele Cury
Bikepacking von San Miniato nach Siena
48 Stunden mit dem Fahrrad über die Via Francigena
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87 km
Dauer
Zwei Tage

Wir haben nie genug Zeit. Jahrelang planen wir Reisen, die wir nie machen werden. Diese wahrscheinlich recht verbreitete Erfahrung geht auf die Überzeugung zurück, dass man für eine Reise mit dem Rad viel Zeit braucht. Wir sehen in den sozialen Netzwerken Leute, die monatelang unterwegs sind, kommen aber nicht auf die Idee, dass wir auch losfahren können, wenn uns weniger Zeit zur Verfügung steht.

Kürzlich habe ich entdeckt, dass es für das Rad auch leichteres Gepäck gibt und man nur vierzig Minuten von Florenz entfernt mitten in Natur und Kultur eintauchen kann.Vielleicht wissen nicht alle, dass sich von San Miniato bis Siena eine sehr alte Straße, auf der Pilger aus aller Welt nach Rom zogen, über die zypressenbestandenen Hügel schlängelt. Die Rede ist vom toskanischen Abschnitt der Via Francigena. Die Route kann mit Mountainbikes, guten Gravelbikes oder für unbefestigte Straßen geeignete Tourenrädern zurückgelegt werden.

 

 

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Erster Tag: Morgen
Mit dem Rad über die Via Francigena
Von San Miniato nach Gambassi Terme, über Weinberge und lehmige Hügel
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Erforderliche Zeit
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Streckenlänge
27 km

Am Morgen befestige ich meine Bikepacking-Taschen am Fahrrad, kontrolliere die Bremsen, öle die Kette und überlege, ob ich etwas vergessen habe, was ich für eine Nacht auswärts brauche. Als mein Rad startbereit ist, begebe ich mich gut gelaunt zum Bahnhof. Von Florenz aus brauche ich mit der Regionalbahn nur 40 Minuten und kann mein bepacktes Fahrrad umweltfreundlich transportieren.

Am kleinen Bahnhof von San Miniato angekommen, stelle ich mein Fahrrad-Navi an und frühstücke in der Nähe ausgiebig. Die Via Francigena empfängt mich als Asphaltstraße, die steil nach San Miniato hinaufführt. Es handelt sich nicht um eine Promenade, sondern um einen Pilgerweg. Mühen und Freuden sind untrennbar verbunden.

Von dem hoch auf dem Hügel gelegenen Ort aus hat man einen atemberaubenden Blick über die Ebene von Fucecchio. Der Weg führt über den gepflasterten Platz vor der Gemeinde und durch enge Gassen, bis die Häuser zurückbleiben. Kurz darauf gibt es nur noch Hügel und mein Rad. Nach wenigen Kilometern verlasse ich nach einer Haarnadelkurve die Asphaltstraße und fahre auf einem unbefestigten Weg weiter. Das ist der wahre Grund für meine Tour. Die Räder fahren knirschend über die Steine, die Vibrationen nehmen zu und es macht mehr Spaß zu lenken. Vor meinen Augen erscheinen die typischen, "Leopoldina" genannten Bauernhäuser der Gegend, Weinberge und Olivenhaine.

Bis Gambassi, dem Ziel der ersten Etappe des Tages, fahre ich kaum über Asphalt. Ein Abschnitt führt durch einen Weinberg und kann bei Regen etwas rutschig sein, aber ansonsten geht es über perfekte Schotterstraßen und Wege, die alle gut zu befahren sind. Auf einem Abschnitt, den ich nicht genauer angeben will, um die Entdeckerfreude nicht zu verderben, befinde ich mich allein inmitten der Hügel, die einen hohen Lehmanteil haben. Im Frühling bringt der dunkle Farbton alle Arten von Blumen und Feldfrüchten, die auf den steilen Hängen wachsen, zum Leuchten. Die Straße windet sich wie eine Schlange über die Hügelrücken. Am Ende des Sommers sind die brachliegenden Felder dunkel und kahl und assorbieren das gesamte Licht, nur die Schotterpiste hebt sich als helle Spur ab. Entlang des Wegs sehe ich viele leerstehende Häuser, wodurch diese Erfahrung nocht mehr zur Introspektion einlädt, und endlich genieße ich die ersehnte Stille, die ich in der Stadt nie finden kann. 

Die Schotterpiste endet und ich folge der Asphaltstraße in Richtung Gambassi Terme, vorbei an der Pfarrkirche Santa Maria a Chianni und dem Ostello di Sigerico. Um sie zu erreichen, muss man einen Hügel erklimmen, aber es lohnt sich, diesen zauberhaften Ort zu besuchen. Das Ostello, das sehr alt sein dürfte, besitzt einen Innenhof, der in einen Hain mit uralten Olivenbäumen übergeht. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick über Gambassi Terme.

Die Betreiber des Ostello sind sehr gastfreundlich; Sie können Ihren Akku aufladen, wenn Sie mit dem E-Bike unterwegs sind, oder einen Kaffee trinken und sich von der anstrengenden Steigung erholen. Wenn Sie weiterfahren, kommen Sie zur Kirche SS. Jacopo und Stefano, die ich aus zwei Gründen erwähne. Zum einen können Sie die Veränderungen und Umbauten beobachten, die im Laufe der Jahrhunderte durchgeführt wurden und aus der kleinen romanischen Kirche ein Gebäude des 19. Jahrhunderts gemacht haben, das vom mittelalterlichen Glanz inspiriert wurde. Der zweite Grund ist, dass ich gegenüber der Kirche eine der besten Schiacciate con porchetta (ein mit Spanferkel belegtes Fladenbrot) meiner vielen Reisen in der Toskana gegessen habe. Das sollten Sie wissen, denn wenn Sie bei der Kirche anlangen, haben Sie bestimmt einen Bärenhunger.

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2
Erster Tag: Nachmittag
Mit dem Rad auf der Via Francigena
Von Gambassi Terme nach San Gimignano, Stadt der Türme
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Erforderliche Zeit
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Streckenlänge
13 km

Es geht aus dem Ort hinaus in Richtung Hügel und erneut lasse ich die Asphaltstraße hinter mir. Auf diesem Abschnitt geht es vor allem über unbefestigte Wege. Ein für eine lange Reise beladenes Rad wäre zu schwer, während mein Rad mit leichtem Gepäck perfekt für diese Strecke ist. Denken Sie immer daran, dass die Fahreigenschaften des Rads unter diesen Bedingungen anders sind: Auch mit wenigen Gepäcktaschen verhält sich das Vorderrad in den Kurven anders. Nach Gambassi Terme beeindruckt mich vor allem die Vielfalt der Landschaft. In jedem Tal, durch das ich fahre, erstreckt sich eine andere Art von Wald, während die Aussichten ständig wechseln. Ich nähere mich San Gimignano, das auch als Stadt der Türme bekannt ist, ein Name, der passender nicht sein könnte. Es gibt nichts Schöneres, als sich San Gimignano langsam anzunähern, mit der Torre Rognosa, dem ehemaligen Gefängnis, und den kleineren Türmen, die sich dem Himmel entgegen strecken. Als ich es nach dieser schönen Fahrt vor mir sehe, frage ich den Wind, wie sie es bloß geschaft haben, diese hohen, schmalen Türme zu errichten, die Wächter und Gesandten der Täler im Land von Siena. Es ist ein Wunder, dass ein solcher Ort erhalten blieb. Ich empfehle, ihn zu Fuß zu erkunden, da häufig sehr viele Touristen unterwegs sind.

Die Sonne verschwindet hinter dem Horizont, aber zum Glück habe ich das Ostello del Pellegrino erreicht, morgen erwartet mich die zweite Etappe meiner Reise. Ich denke an die Aussichten, die ich an diesem Tag genossen habe, und an meine vom Autolärm erfüllte Stadt, und endlich fühle ich mich ganz weit weg.

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Zweiter Tag: Morgen
Mit dem Fahrrad von San Miniato nach Siena
Von San Gimignano nach Monteriggioni, wie ein mittelalterlicher Ritter
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Erforderliche Zeit
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Streckenlänge
31 km

Die Strecke bis zur "befestigten Stadt" dürfte die anspruchsvollste sein. Ich bin sehr früh losgefahren und in den Tälern der Gegend, die schon zur Provinz Siena gehört, hängt Nebel. Vor mir winden sich lehmige Wege, und über flache Hügel geht es stetig bergauf und bergab. Auf meinem Weg finde ich auch eine kleine Furt, an einem recht abschüssigen Streckenabschnitt: Mit einem guten Fahrrad stellt sie kein Problem dar, man sollte aber immer vorsichtig sein, wenn man einen Fluss überquert. Ich empfehle bei Furten und tiefen, langgezogenen Pfützen immer, einen schnellen Gang einzulegen und zügig durchzufahren. Die Angst ist größer als die tatsächliche Gefahr, und in wenigen Sekunden haben Sie das Wasser hinter sich gelassen. Zögern Sie aber nicht, abzusteigen, wenn es Ihnen nicht behagt, Ihre Schuhe werden beim Radeln schnell wieder trocken. 

Die Landschaft verändert sich, wenn man die Provinz Florenz verlässt und die Provinz von Siena erreicht, die Erde ist nun rötlich und fest, die Reifen haben einen guten Halt und es macht Spaß, bergab zu fahren. Kurz vor Monteriggioni empfehle ich einen Abstecher nach Abbadia a Isola, das verborgen rechts vom Weg liegt. Im romanischen Kreuzgang des Klosters findet jedes Jahr im September das Slow Travel Festival statt, das sehr zu empfehlen ist. Nach dem Besuch von Abbadia a Isola taucht Monteriggioni mit seinem von Türmen gespickten Mauerring am Horizont auf.

Ein weiteres Stück unbefestigte Straße liegt zwischen mir und dem steilen und beschwerlichen Weg hinauf zum Ort, aber als ich durch das Nordtor in die Stadt einfahre, fühle ich mich wie ein Ritter, der endlich am Ziel angelangt ist.

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Zweiter Tag: Nachmittag
Auf der Via Francigena von San Gimignano nach Siena
Von Monteriggioni nach Siena, in die Heimat des Palio
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Erforderliche Zeit
directions
Streckenlänge
15,5 km

Der letzte Abschnitt bis Siena führt über Asphalt, aber nach vielen Kilometern Schotterwegen und vor allem dem letzten Stück bis nach Abbadia a Isola, ist es nicht schlecht, eine Weile einer Asphaltstraße zu folgen, vor allem, wenn sie direkt zur Porta Camollia führt.

Nach etwa zehn Kilometern fahre ich in die Heimat des Palio ein, der vielleicht am ursprünglichsten erhaltenen mittelalterlichen Stadt der Welt, mit ihren Gassen, historischen Palazzi und marmornen Kirchen. Die Fahrt über die Straßen, die mich schließlich zur Piazza del Campo führen, war ein Abenteuer, das wenig mit meinen üblichen Wochenendaktivitäten zu tun hat. Ich werde mich hier nicht weiter über die Herrlichkeiten von Siena auslassen, empfehle nur, das Rad gleich nachdem Sie das Stadttor durchfahren haben, abzustellen (der größte Teil von Siena ist Fußgängern vorbehalten) und direkt zur Piazza del Campo zu gehen. Ich denke an die jahrhundertealte Geschichte der Stadt und im Schatten der Palazzi fühle ich mich als Teil von ihr.

Von Siena aus kehre ich mit der Regionalbahn, in der ich mein Fahrrad transportieren kann, nach Hause zurück, während ich an die vergangenen 48 Stunden denke, in denen ich meine Reiselust ausgekostet habe, die sonst kaum zu stillen ist, durch diesen Ausflug aber für eine Weile befriedigt wurde.